Imaginary Girls

Die Halbschwestern Chloe und Ruby wurden von ihrer straffälligen und alkoholabhängigen Mutter vernachlässigt und von ihren Vätern verlassen, sind jedoch keineswegs unglücklich, denn sie haben einander und brauchen sonst niemanden. Ruby, die Ältere der beiden, sorgt dafür, dass sie alles Nötige zum Leben bekommen, auch wenn sie eigentlich keinen Finger dafür rühren muss. Jeder schaut zur schönen Ruby auf, jeder erfüllt ihr ihre Wünsche, sie kann tun und lassen, was sie möchte. Die Jungs liegen ihr zu Füßen, auch diejenigen, deren Herzen sie bereits gebrochen hat. Niemand kann Ruby besitzen, doch jeder möchte sie für sich haben.

Auch Chloe ist ihrer älteren Schwester völlig ergeben, wenn auch aus reiner Liebe. Als sie eines Nachts mit Ruby und deren Freunden eine Party am Stausee feiert, gibt ihre große Schwester damit an, was für eine gute Schwimmerin Chloe sei und dass sie es ohne Weiteres zum Zentrum schaffen würde. Aus dieser Mutprobe wird jedoch ein Albtraum, denn inmitten des Reservoirs findet Chloe auf einem treibenden Boot die Leiche ihrer Mitschülerin London. Nach diesem Vorfall wird Chloe ihrem Zuhause und ihrer Schwerster entrissen und soll fortan bei ihrem Vater leben.

Die Trennung ist für die Schwestern sehr schmerzhaft und sie schmieden Pläne, Chloe wieder nach Hause zurückzuholen. Als es nach zwei Jahren endlich soweit ist und Chloe ausreißt, ist sie zunächst sehr glücklich, ihr altes Leben wieder zu haben, muss jedoch schon nach kurzer Zeit feststellen, dass, obwohl alles wie immer ist, nichts stimmt. London, die längst unter der Erde liegen müsste, ist ganz und gar nicht tot und inzwischen Rubys beste Freundin. Obwohl Ruby selbst nichts von Regeln hält, hat sie plötzlich ganz strikte, was ihre kleine Schwester angeht. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sich Chloe mit dem, was die Leute wirklich über Ruby denken, konfrontiert und zum allerersten Mal in ihrem Leben zweifelt sie selbst an Ruby.

Die Geschichte von Nova Ren Sumas Imaginary Girls konzentriert sich auf die sehr innige Beziehung von Chloe und Ruby. Der Hintergrund des Reservoirs wird früh preisgegeben, doch die Legende von der Stadt Olive, die in den Tiefen des Stausees liegt, entfaltet sich so leise, dass der Leser ihr zunächst kaum Beachtung schenkt. Das Buch ist zwar paranormal angehaucht, hat jedoch eher die Konsistenz eines Traums und beugt sich keinem Genre. Vor allem kommt Imaginary Girls ohne viel Tamtam aus. Die Simplizität und das sich erst zum Schluss offenbarende Geheimnis machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Ich muss zugeben, dass ich bereits in der Mitte des Buches angekommen, noch immer keinen blassen Schimmer hatte, worauf die Geschichte hinauslaufen sollte und von dem bis dato Gelesenen etwas verwirrt war. Trotzdem brannte ich so sehr wie Chloe darauf, das Rätsel um Ruby, London und den geheimnisvollen Stausee zu lösen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Chloe und Ruby sind faszinierende Charaktere, die Geschichte ist düster und wunderschön zugleich, das Cover ist einfach traumhaft. Insgesamt: exzellent!

Über eine Veröffentlichung von Imaginary Girls auf Deutsch ist uns leider noch nichts bekannt.