Ruht das Licht

Nachdem Sam den Wolf in sich besiegt hat, kann er nun mit Grace zusammen sein. So scheint es zumindest. Während er sich an seine vollkommen menschliche Gestalt gewöhnen muss, verändert sich etwas in Grace. Zuerst sind es nur die Stimmen der Wölfe, die sie hört und die nach ihr rufen, dann aber ist es ihr Körper, der klare Zeichen setzt.

Grace wollte nichts lieber, als ihr Leben mit Sam verbringen. Nicht als Wolf, sondern als Mensch. Was geschafft zu sein scheint, entpuppt sich hinterher als nicht ganz so leicht. Grace verändert sich. Es ist nicht mehr Sam, dem der Winter zu schaffen macht, sondern Grace, die sich nun gegen den Wolf in sich wehren muss. Sie klammert sich an ihre und Sams Menschlichkeit und kämpft mit aller Macht gegen ihr Schicksal. Während Grace dagegen ankämpft, versucht Cole aus tiefstem Herzen ein Wolf zu bleiben, denn er möchte vergessen. Vergessen, wer er ist und wo er herkommt. Doch dieser Wunsch soll ihm vergönnt bleiben, denn seltsamerweise ist er derjenige, der sich immer wieder vom Wolf in einen Menschen zurückverwandelt.

Sam hingegen, der sich und sein Menschendasein erst einmal genauer kennenlernen muss, wird mit der Verantwortung für die Wölfe konfrontiert. Zuerst ist er sich dieser Verantwortung jedoch nicht bewusst, sondern erst einige schwere Ereignisse öffnen ihm die Augen.

 

Maggie Stiefvater schafft, was nur wenigen gelingt. Sie kann mit Ruht das Licht an den ersten Teil ihrer Wolfsgeschichte anknüpfen und versetzt den Leser ab der ersten Zeile zurück nach Mercy Falls. Während Sam und Grace weiterhin im Vordergrund bleiben, lernt der Leser Isabel besser kennen und macht eine neue Bekanntschaft mit dem zunächst arroganten und aufmüpfigen Cole. Dabei ist sehr interessant, dass Stiefvater ihre Perspektivenvielfalt erweitert. Hat man im ersten Teil "nur" die Sichtweisen von Grace und Sam kennengelernt, erhält der Leser nun auch Einblick in die Gefühlswelt von Isabel und Cole. Ihnen werden mehrere Kapitel gewidmet und aus ihrer Sicht erzählt. Dies gibt der Geschichte einen neuen Schwung.

Stiefvater bleibt ihrem Schreibstil treu. Der Wald um Mercy Falls, die Wölfe, die Charaktere werden durch Stiefvaters Schreibstil zum Leben erweckt und der Leser ist mitten im Geschehen. Die Autorin bedient den Leser mit Liebe, Trauer, Rebellion, Verzweiflung und Entschlossenheit und bietet somit viele emotionale Facetten.

Wichtig war es von Beginn an, dass Stiefvater an den ersten Teil anknüpft. Sie beschreibt, wie sich das Leben für Sam verändert und wie er und Grace nun zusammen sein können. Im Laufe des Buches muss der Leser jedoch langsam erkennen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, sondern, dass sich schleichenderweise etwas anbahnt. Was der Leser beim Lesen vermutet, wird bestätigt, doch auf eine viel rasantere Weise als erwartet. Stiefvater baut eine Spannung auf, die am Ende des Buches ihren Höhepunkt erreicht und den Leser vollkommen mitreißt.

Dem ein oder anderen erscheint die erste Hälfte des Buches etwas langwierig bis "wirklich" etwas passiert, doch wer Grace, Sam und ihr Schicksal besser kennenlernen möchte, dem kann es nicht langsam genug gehen.

Grace wird von der eher stillen Tochter zur aufmüpfigen Rebellin und Sam lernt, was es heißt, sich voll und ganz hinzugeben. Mit Cole hat Stiefvater einen Charakter erschaffen, der der ganzen Geschichte noch mehr Leben einhaucht und den man zunächst verabscheut, dann aber doch als irgendwie liebenswürdig betrachtet.

Insgesamt ist Ruht das Licht eine tolle Fortsetzung, die man gelesen haben muss. Sicherlich gibt es hier und da ein paar Seiten, die man hätte verkürzen oder streichen können, aber sie stören auch nicht. Das Cover ist, wie schon bei Nach dem Sommer, romantisch verspielt und im Mittelpunkt stehen das Mädchen und der Wolf. Das helle Blau verleiht dem Cover einen fröstelnden Winterhauch, um den es letztenendes ja auch geht.