Heldensommer
- Verfasst von Daniel Schlereth
- In: Bücher
- Erschienen am 10 Okt 2011
Zwei Jugendliche wollen sich an ihrem Französisch-Lehrer rächen, weil sie wegen ihm das Schuljahr wiederholen müssen. Zumindest schieben sie lieber ihm und nicht ihrer Faulheit die Schuld in die Schuhe. Dafür köpfen sie eine Statue in ihrem Heimatort und machen sich unter einem anderen Vorwand und ohne wirkliche Sprachkenntnisse, dafür aber mit Drogen, auf den Weg nach Frankreich, wo sie den Kopf dem Lieblingsdenkmal ihres Lehrers aufsetzen wollen.

Das ist im Grunde genommen die Geschichte hinter Heldensommer von Andi Rogenhagen. Was einem im ersten Moment in einem sommerlichen Gelb als leichte Lektüre für 15-Jährige im Buchregal präsentiert wird, ist für mich nicht nur schockierend, sondern merkwürdigerweise auch faszinierend. Mehrmals spürte ich das Verlangen, das Buch aus der Hand zu legen und die Lektüre endgültig abzubrechen. Das Problem dabei: Ich schaffte es nicht. Sosehr mich der Roman zwischenzeitlich auch bestürzte, ich musste einfach wissen, wie töricht der Road Trip der beiden Teenies weiter ging und wie sich ihre Freundschaft entwickelte. Und letztlich war ich auch ein wenig froh, mein erahntes Ende zu lesen.
Bevor ich Heldensommer also gewissermaßen in der Luft zerreiße, muss definitiv klargestellt werden, dass ich das Buch keinesfalls als abgrundtief schlecht bezeichnen würde. Es hat mich zwischenzeitlich durchaus unterhalten und zum Lachen gebracht. Außerdem entschuldige ich mich schon jetzt für die anstößigen Inhalte, ohne die diese Rezension allerdings kaum auskommen würde.
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Andi Rogenhagen erzählt aus der Sicht des 15-jährigen Philipp. Er lebt in einem auf den ersten Blick intakten Familienumfeld. Deswegen fiel es mir sehr schwer, Rogenhagen seinen abgedroschenen und übertrieben pubertären Schreibstil abzunehmen. Kein Jugendlicher verwendet beispielsweise das Wort „Alter“ so oft als Einstieg in seine Äußerungen wie Philipp und sein Weggefährte Borawski, den er nicht einmal als seinen Freund bezeichnen kann.
Und ohnehin scheint Philipp keine Freunde zu haben! Er hat in Borawski mehr oder weniger einen Kumpel, den er anfangs ausnutzt und nicht für voll nimmt. Und er hat in seiner Schulkameradin ein Objekt der Begierde. Mit seinen 15 (!) Jahren ist es sein größtes Verlangen, sie schnellstmöglich ins Bett zu kriegen und ihr die Unschuld zu rauben, am liebsten sogar mit seiner Zunge. Und wenn die Fennsbeck, wie er sie nennt, mal gerade nicht in Reichweite ist, reicht ihm auch jedes andere beliebige attraktive Mädchen – beispielsweise Kathrin, die sogar noch jüngere Tochter von zwei Deutschen, die Philipp und Borawski ein Stück lang auf ihrer Reise mitnehmen. Da Philipp allerdings bei keinem Mädchen landet, sei das nun (wie er selber schätzt) durch seinen Körperbau oder (wie ich schätze) durch seinen Charakter, hat er die wildesten Tagträume über "die Fennsbeck" oder masturbiert an den absurdesten Orten, beispielsweise unter Brücken.
Mal ernsthaft, Herr Rogenhagen, ist das ihr Bild eines mittelständischen deutschen Teenagers? Auch durch sein soziales Umfeld in seiner Freizeit lassen sich diese Fantasien nicht begründen. Oder wollen Sie mit diesen Szenen einfach nur provozieren und für Aufsehen erregen? Ein Achtel dieser Schilderungen oder noch weniger hätten der Geschichte wirklich gut getan – und mir auch! Und das nicht, weil ich zu konservativ bin, sondern weil das Buch dadurch völlig unglaubwürdig wirkt und ganz nebenbei als Jugendroman verkauft wird.
Was mich außerdem gestört hat, waren die lachhaften Zufälle und Wendungen. Ich habe zwar noch nie einen Road Trip nach Frankreich bestritten, ob nun mit oder ohne Sprachkenntnisse, aber in einem bin ich mir absolut sicher: So würde er nicht ablaufen!
Wenn man mich also fragt, ob ich Heldensommer weiterempfehlen würde, wäre meine erste Antwort sicherlich: "Alter, nein!" Es sei denn, man kann sich den Ausgang der peinlich gehaltlosen Geschichte nicht einmal ansatzweise erdenken. Die Frage, ob mich das Buch denn in irgendeinem Sinne unterhalten hätte, würde ich ganz klar erwidern mit: "Alter, ja!" Stellt sich eigentlich nur noch die Frage, ob das womöglich der Vorsatz des Autors war. Vielleicht, Alter, aber eher nein. Vielleicht wollte er auch nur der Jugend von heute zeigen, dass am Ende die Freundschaft über die Notgeilheit siegen kann und junge französische Frauen aus Mitleid mit 15-Jährigen ins Bett steigen, ohne ein richtiges Wort mit ihnen gesprochen zu haben – und sich dabei blöderweise auch noch verlieben! Und während ich das so schreibe, stelle ich mir die Frage, ob ich mich mehr für das Bild schämen soll, das meine Generation eventuell auf Andi Rogenhagen wirft, oder aber für dessen Buch in meinem Regal.


