Nacht

Alma liebt alles, was violett ist. Ihre neueste Anschaffung in dieser Farbe ist ein Heft, das sie eigentlich nicht benutzt. Und trotzdem findet sie plötzlich, in ihrer Handschrift niedergeschrieben, eine merkwürdige Geschichte darin. Zu ihrem Grauen erweist sich diese kurze Zeit später nicht nur als wahr, sondern berichtet auch noch von den letzten Minuten eines Architekten, der umgebracht wurde. Dieser Mord soll nicht der letzte sein, den Alma in ihrem violetten Heft vorfindet.

Alma ist siebzehn Jahre alt und davon überzeugt, zur Elite ihrer hinterweltlerischen Schule zu gehören. Und sie ist auch der Kopf des Ganzen - damit sind sie und ihre Freundinnen Naomi, Seline und Agatha gemeint. Doch auch die coolsten Mädchen sind nicht vor Übeltaten sicher. Ein Video, in dem Seline halbnackt zu sehen ist, macht eines Tages die Runde. Die Freundinnen beschließen, den verantwortlichen Adam zu bestrafen. Leider läuft ihr Vorhaben nicht ganz nach Plan und allen, außer Agatha, tut die Entwicklung der Racheaktion allmählich leid. Nur wenige Tage später wird Adam der Verwüstung vom Büro des Schulleiters beschuldigt, doch war er es wirklich?

 

Alma macht sich große Sorgen um Agatha. Obwohl sich die vier Freundinnen regelmäßig bei einer von ihnen treffen, ist es Alma, Naomi und Seline nie gelungen Agatha zuhause zu besuchen. Als Alma den Grund dafür erfahren will, verschließt Agatha sich ihr völlig. Naomis neuer Freund, Tito, passt Alma ganz und gar nicht. Almas Misstrauen bestätigt sich, als Naomi sie eines Nachts total aufgelöst und verwirrt aus dem Bett klingelt und sie um Hilfe bittet.

Seit ihrem Autounfall plagen Alma Kopfschmerzen, die mit jedem Tag schlimmer werden. Und als wäre das und die Sorgen um ihre Freundinnen nicht genug, muss sie jetzt auch noch herausfinden, warum sie diese Morde, die sie kurze Zeit später durch Zeitungsmeldungen bestätigt sieht, immer wieder sauber aufgeschrieben in ihrem violetten Heft findet. In ihrer Not wendet sie sich an Morgan, doch er scheint einiges zu verheimlichen.

Ich bin mir eigentlich nicht ganz sicher, ob Alma wirklich nur eine Person ist. Zu Beginn beschreibt sie sich, gelinde ausgedrückt, als das Miststück vom Dienst. Dann überzeugt sie den Leser auch, dass sie es ist. Und ganz plötzlich wird sie zur Superheldin, die sich für jeden einsetzt und dabei so bescheiden bleibt. Ein weiterer Widerspruch ist ihr blindes Vertrauen in Morgan, der sie eigentlich gar nicht interessiert, obwohl sie in jeder anderen Hinsicht nur so vor Neugier strotzt. Mutig ist sie allemal, wobei ich das leider auf ihre Arroganz zurückführe. Und sie ist überaus erfolgreich mit ihrer Masche. Weder ist sie je wirklich in Gefahr, noch wird sie verhaftet oder bekommt gar Hausarrest, obwohl ihr das alles im realen Leben drohen würde. Bevor noch jemand glaubt, ich hätte etwas gegen Alma - dem ist nicht so. Die Hauptprotagonistin ist auf ihre Art, diese Art, unheimlich unterhaltsam.

In Elena Melodias Nacht herrscht das geordnete Chaos. Einerseits ist es lobenswert, dass die Autorin die Spannung immer wieder aufbauen kann und dabei so fantasievoll vorgeht, andererseits behandelt dieser Roman so viele Szenarios, dass man das Gefühlt hat, mehrere Bücher auf einmal zu lesen. Bei so viel Material kommen andere Charaktere leider etwas zu kurz. Das Übernatürliche verliert sich in Anbetracht von Almas sehr effizienter Detektivarbeit irgendwo in der Geschichte, kehrt dann abrupt am Ende zurück und hinterlässt den Leser ziemlich verblüfft. Ich möchte sogar behaupten, dass das Finale ein völlig neues Buch im Buch beschreibt. Ich bin gespannt, wie die Autorin in der Fortsetzung für Aufklärung sorgen wird.

Nacht ist am 04. Oktober bei PAN Verlag erschienen und der Auftakt der Das Land der verlorenen Seelen-Reihe der italienischen Autorin. Wann der zweite Band auf Deutsch erscheint, ist noch nicht bekannt.